Predigt zum Fest: „Taufe des Herrn“

S. Maximilian Heine-Geldern SJ  

Vom Moralisten zum geliebten Kind

Am 01. März 2008 war ich zufällig Zeuge einer stillen Taufe in der Bukarester Kathedrale. Nach fünf Monaten Einsatz bei Concordia hatte ich mich in diese Kirche zurückgezogen. Ich wollte beten, meine Erfahrungen reflektieren und meine Gedanken ordnen. So saß ich mit meinen Aufzeichnungen in der dunklen Kirche. Vieles habe ich über den Alltag der Sozialarbeit gelernt: Akten ordnen, Bettelbriefe schreiben, Mitarbeiter aushalten, Bauverhandlungen führen, eine fremde Sprache lernen, Enttäuschungen verarbeiten, usf. Ich war begeistert von der Grundidee und dem Einsatz der Concordia. In meinen Notizen finde ich den Ärger darüber, dass Concordia kein Orden ist. Dort konnte ich nicht eintreten. Gleichzeitig spürte ich in mir, dass ich kein „reiner“ Sozialarbeiter bin. Dass ich nicht ganz in dieser Aufgabe aufgehen würde.

Ich war nach Rumänien aufgebrochen, um Jesus besser kennen zu lernen. So bezeugen zumindest meine Notizen. Tief in mir spürte ich in den Wochen um jenen März Anfragen an mich: Bin ich wirklich reif für diesen Einsatz? Oder wird mein jugendlicher Eifer mich bald verzehren? Breche ich in meinem Tatendrang nicht zu viele „angebrochene Rohre“ ab und bin ich durch den „Schein des Guten“ geblendet? Werde ich gar in ein, zwei Jahrzehnten ein zynischer, verbitterter Moralist und ständiger Gesellschaftskritiker sein?

Wenn ich Jesus wirklich begegnen möchte, dann kann ich ihn nicht auf einen charismatischen Sozialarbeiter nach dem Modell „GutMensch“ reduzieren.

„Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“ Die Suche nach Jesus führt mich zu existentielleren Fragen. Wie versteht er sich selbst? Was motiviert sein Tun, sein Handeln? Warum geht er mit gut 30 Jahren hinaus in die Welt? Die Urkraft hören wir heute: Er versteht sich als Kind Gottes, das heißt: er weiß sich ganz von Gott geliebt, so dass er ihn Vater nennt. Und er tritt öffentlich auf, weil er uns zeigen möchte, dass wir alle Kinder Gottes sind. Dass wir alle zu Gott Vater sagen können.

Je intensiver ich mich mit dem Leben Jesu, mit der Provokation des Kreuzes und dem Geheimnis seiner Auferstehung auseinandersetze, desto mehr schimmert eine Glaubenswahrheit heraus, die im Johannesbrief formuliert wird: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt [hat].“ Und diese Liebe besiegelt er durch das Leben seines Sohnes Jesu. Jesus durchlebt all die Auswirkungen menschlicher Bosheit und sagt uns Menschen Vergebung zu. Seine Liebe, die er vom Vater hat, ist ohne Bedingung. In diese Liebe will Jesus uns aufnehmen.

Als ewig gültiges Zeichen dieser Kindschaft gilt die Taufe. Meine Anfragen in Rumänien haben mich spüren lassen, dass meine Taten vielleicht gut sein mögen, aber noch nicht aus meiner Taufwürde herausströmen. Noch zu verbissen, zu moralisierend, letztlich heillos waren sie - auch wenn die Ausrichtung stimmte. Die Rückbesinnung auf diese Zeit lässt mich wach sein und meine heutigen Motive, Regungen erforschen und unterscheiden. Heute möchte ich meinen Blick durch Jesus schärfen und wandeln lassen. Er soll auf mich abfärben wie es Richard Rohr im folgenden Text beschreibt:

„Jesus sagt: „Mein Vater ist bis heute am Werk, und ebenso bin ich am Werk“ Neulich hat ein Mitglied unserer Gemeinschaft in einer Predigt gesagt: „Wenn man lange genug bei Gott rumhängt, beginnt Gott abzufärben.“ Man arbeitet nicht mehr aus irgendeinem moralischen Leistungsdruck heraus oder weil „man“ als Christ dies oder jenes tun sollte. Wenn man mit jemandem zusammenlebt, dann färbt dessen Energie ab. Wenn man mit Gott lebt, dann beginnt Gott abzufärben. Das Wesen Gottes aber ist Kreativität, Schöpferkraft [nicht Leistungsdruck]. Wer mit Jesus lebt, für den wird das, was Jesus will, immer mehr das, was er selbst auch will.“ [Franz Kamphaus: Entschieden Leben, Herder, 1991, S.43]

Darin liegt für mich das Geheimnis und die Freude der Taufe: mich wie Jesus von Gott geliebt wissen. Das konnte Johannes uns nicht schenken, denn diese Liebe ist göttlich. Die Annahme dieser Zusage führt zu innerer Umkehr und Heilung und nicht umgekehrt. Wer sich geliebt weiß, sieht anders, urteilt anders, handelt anders. Er kehrt dem moralischen Leistungsdruck den Rücken zu und wirkt kreativ, schöpferisch am Heil dieser Welt mit.

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Abgerufen am: 21.09.2017