Predigt zum Fest: „Taufe des Herrn“

P. Bruno Niederbacher SJ

Das Rätsel:

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Versuche, die 9 Punkte mit 4 Strichen zu verbinden, ohne abzusetzen.

Um die Aufgabe zu lösen, muss man über das vorgegebene System hinausgehen.

Religion ist ein eigenartiges Gebiet. Ich verstehe Vieles nicht, ich kann es nicht erklären. Meine Vernunft kommt bald an ein Ende.

Einmal wurde ich in Belfast von der Humanist Society eingeladen. Das ist eine Vereinigung von Gutmenschen, von Humanisten, die allerdings nicht an Gott glauben. Ich sollte zu ihnen sprechen über die Frage, ob der christliche Glaube vernünftig ist. So habe ich versucht, Rationalitätsmodelle vorzustellen, von denen ich annehme, dass unser Glaube ihnen entspricht. Die Humanisten konnte ich freilich damit nicht bewegen. Für sie blieb der Glaube etwas Unvernünftiges. Und am Ende war mir klar: Mit Vernunftgründen alleine werde ich keinen einzigen von ihnen überzeugen. Vernunft allein, das ist unser System. Aber es ist zu eng, wenn man mit Gott in Kontakt treten will. Da muss man über dieses System hinausgehen.

Im Lukasevangelium steht: Während Jesus betete, öffnete sich der Himmel. Lukas schildert die Taufe Jesu als eine Gebetserfahrung. Im Gebet öffnet sich der Himmel. Im Gebet erfährt er: Ich bin der von Gott geliebte Sohn.

Das ist für mich der Schlüssel. Der Himmel öffnet sich im Beten. Man muss eine Erfahrung machen. Mit Vernunftgründen allein ist dies nicht zu bewerkstelligen. Ich hätte die Humanisten mitnehmen sollen auf Exerzitien. Da hätte sich vielleicht etwas getan.

Eine zweite Geschichte: Ein Mann kam einmal, um eine Meditationswoche zu machen. Und er klagte am Beginn zum Meister und sagte: „Mein Leben ist eine einzige Katastrophe. Ich habe so viele Probleme, und nicht den Schimmer einer Ahnung, wie ich sie lösen kann.“ Der Meister hörte aufmerksam zu, aber er ging nicht auf die Probleme des Mannes ein. Stattdessen gab er ihm Gebetsübungen, Übungen, die ihn in Kontakt mit Gott bringen sollten. Und so vergingen die Tage: der erste, der zweite, der dritte, … Am Ende der Woche sagte der Mann dem Meister: „Das waren die besten Exerzitien, die ich je gemacht habe.“ Der Meister fragte: „Und wo sind deine vielen Probleme geblieben?“ „Meine Probleme?“ fragte der Mann zurück. „Ach ja, wo sind sie?“

Es gibt Probleme, wo es darauf ankommt, genau hinzusehen, ins Detail zu gehen. Aber es gibt auch Lebensprobleme, die man innerhalb des eigenen Systems nicht lösen kann. Da ist es hilfreich, sich nicht direkt mit ihnen zu befassen. Da kommt es darauf an, aus sich selbst herauszugehen. Aus einiger Entfernung relativiert sich Manches. Das habe ich schon oft erlebt: Ich gehe in die Stille, ich denke nicht über mein Leben nach, ich beschäftige mich nicht mit meinen Problemen und Sorgen, sondern versuche einfach in der Gegenwart Gottes zu verweilen. Und siehe da: Am Ende hat sich wie von selbst Einiges geordnet. Ich weiß besser, wer ich bin, was ich will, und habe auch mehr Kraft, danach zu handeln. Und „während Jesus betete, öffnete sich der Himmel.“

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Abgerufen am: 29.07.2017