Predigt zum Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael

Joh 1,47-51

P. Martin Hasitschka SJ, 29. September 2015

 

„Noch Größeres“ wird Nathanael sehen. Was hat er bis jetzt gesehen? Er ist einem Menschen begegnet, der sich lobend über ihn äußert („siehe, ein echter Israelit“), dem er kein Fremder ist, der eine tiefe innere Kenntnis von ihm hat („ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen“ [Joh 1,48]).

Und was ist das Größere, das nicht nur Nathanael, sondern alle Jünger Jesu sehen werden? Es ist der geöffnete Himmel über dem, der sich als „der Menschensohn“ bezeichnet. Er ist Mensch, einer von uns, und doch hat er wie kein Mensch sonst auf unserer Erde Zugang zu dem, was alles Irdische transzendiert, Zugang zum Himmel.

In Jesus, gleichsam an einem Punkt unserer Weltgeschichte, berühren einander Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits. Jesus gebraucht dafür ein dynamisches Bild. In wörtlicher Übersetzung: „Sehen werdet ihr den Himmel geöffnet und die Engel Gottes hinaufsteigend und herabsteigend auf den Menschensohn hin.“ „Auf ihn hin“ oder „hin zu ihm“ – bei diesem sprachlichen Ausdruck bleibt manches in der Schwebe.

„Hinaufsteigend und herabsteigend“ – wir werden an den Traum Jakobs erinnert (Gen 28,12-19). Im Bild einer Treppe (oder: Leiter), auf der Engel hinauf- und herabsteigen, sieht Jakob eine Brücke und lebendige Vermittlung zwischen Erde und Himmel, Mensch und Gott. Was Jakob an einem bestimmten geographischen Ort („Bet-El“ [Gen 29,19]) erlebt hat, werden die Jünger im Beisammensein mit dem Menschensohn sehen und erfahren: Gegenwart Gottes auf Erden. Dieses Sehen wird nicht auf eine einmalige Erfahrung beschränkt sein, sondern wird sich fortwährend ereignen

Der auf Erden weilende Jesus ist fortan der „Ort“, an dem das Innere des Himmels, der Bereich Gottes, sichtbar und zugänglich wird, und von dem aus - angedeutet durch die vermittelnden Engel - gleichsam eine „Brücke“ von der irdischen Welt zur Welt Gottes führt. Für die Jünger wird der „Menschensohn“ der „Ort“ sein, über dem der Himmel offen ist und durch den das göttliche Licht in die Welt kommt wie wenn in einen dunklen Raum durch einen Spalt das Tageslicht eindringt.

Wir sehen nicht den irdischen Menschensohn, sondern den Auferstandenen, nicht mit leiblichem Sehvermögen allerdings, sondern mit „den Augen des Herzens“ (Eph 1,18). Er ist bei uns alle Tage (Mt 28,20), unsichtbar, aber dennoch real präsent. Im Aufblicken zu ihm sehen wir den Himmel geöffnet, das Land des Lebens, des unvergänglichen unzerstörbaren Lebens.

Wir verschließen unsere Augen nicht vor dem vielfachen und weltweiten Leid rings um uns und in unseren Tagen. Wir nehmen auch von Dunkelheit geprägte Lebenssituationen wahr und durch Gewalt bewirkte Finsternis im Zusammenleben der Menschen. Im Aufblicken zu Jesus, dem Auferstandenen sehen wir aber auch – und zwar mitten in unserer Alltagswelt - den geöffneten Himmel.

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Abgerufen am: 21.09.2017