IHS

Predigt zu Lukasevangelium 19,1-7

P. Bruno Niederbacher SJ

Der Lieblingsort

Vielleicht kennt ihr das auch: Lieblingsorte. Als Kind hatte ich solche Lieblingsorte. Wir wohnten unweit vom Wald, und da habe ich im Wald einen einsamen Platz entdeckt unter einem Baum mit einer knorrigen Wurzel. Zu diesem Ort zog ich mich zurück, um allein zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass ich dort ganz ich selbst war, dass ein tiefer Frieden in mir aufkam, Entspannung, Geborgenheit. Es war der Ort, an dem ich auch gerne anfing zu beten und mit Gott ins Gespräch zu kommen. Lieblingsorte: Orte, an denen man ein bisschen verwandelt wird.

Vielleicht wurde der Maulbeerfeigenbaum für Zachäus auch einmal sein Lieblingsort. Zuerst wird es ihm Überwindung gekostet haben, als reicher, erwachsener Mann da hinaufzuklettern. Es hätte leicht peinlich werden können. Man denke nur an die mögliche Schlagzeile in der Zeitung: Oberster Zöllner sitzt wie Affe auf Baum. Ein bisschen verrückt ist es schon. Aber er wagt es. Denn er hat eine Sehnsucht, einen Wunsch: Jesus zu sehen. Das Entscheidende an der Geschichte ist aber: Jesus sieht ihn. Er sieht ihn mit einem Blick an, in dem kein Vorwurf liegt. Denn es hätte genug gegeben, ihm Vorwürfe zu machen. Es hätte genug gegeben, um Bedingungen zu stellen. Jesus hätte sagen können: „Zachäus, ich weiß, du willst etwas mit mir zu tun haben. Das ist gut und recht. Aber zuerst musst du dein Leben ändern, denn du bist ein korrupter, geldgieriger Halsabschneider.“ Von all dem ist aber nicht die Rede. Jesus will gleich bei Zachäus zu Gast sein, bei ihm bleiben, ohne Wenn und Aber.

Von einer ähnlichen Begegnung berichtet ein Mitbruder, der indische Jesuit Anthony de Mello. Er schreibt:

„Ich hatte ein ziemlich gutes Verhältnis zu dem Herrn. Ich pflegte ihn um Dinge zu bitten und mich mit ihm zu unterhalten, ihn zu loben und ihm zu danken. Aber ich hatte stets das unangenehme Gefühl, er wolle mich veranlassen, ihm in die Augen zu sehen. Und ich wollte nicht. Ich redete zwar, blickte aber weg, wenn ich spürte, dass er mich ansah. Immer sah ich weg, und ich wusste warum.  Ich hatte Angst, einen Vorwurf dort zu finden wegen irgendeiner noch nicht bereuten Sünde. Ich dachte, ich würde auf eine Forderung stoßen: irgend etwas wollte er wohl von mir. Eines Tages fasste ich Mut und blickte ihn an! Da war kein Vorwurf. Da war keine Forderung. Die Augen sagten nur: Ich liebe dich. Ich blickte lange in diese Augen, forschend blickte ich in sie hinein, doch die einzige Botschaft lautete: Ich liebe dich. Und ich ging hinaus, und wie Petrus weinte ich.“

Das macht Lieblingsorte zu Lieblingsorten: dass wir dort so etwas erleben wie: Ich bin angenommen, geliebt, unendlich geborgen. Das ist die Erfahrung, die verwandelt.

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Abgerufen am: 21.09.2017