"Das Vieraugengesräch"

Predigt zum 23. Sonntag, Maria am Gestade

P. Bruno Niederbacher SJ

 

Wenn ich mit jemandem ein Problem habe, was mache ich dann? Dann spüre ich das Bedürfnis darüber zu reden: mit Freunden, mit Mitbrüdern, mit Bekannten. Mit allen möglichen Leuten rede ich dann. Ich klage an, ich erzähle meine Geschichte, meinen Konflikt wieder und wieder. Aber ich gehe nicht zur betreffenden Person. Viele erfahren von meinem Problem; allein der Person, die es betrifft, weiche ich aus. Ich will sie nicht sehen, ich will nicht mit ihr sprechen, ich bringe nicht den Mut auf zu sagen: „Ich müsste einmal mit dir reden“. Die Atmosphäre vergiftet sich, die Situation wird verfahren. Ich schreibe diesen Menschen ab, schaue ihn nicht mehr an, lasse ihn links liegen. Ich kümmere mich nicht mehr um ihn. Er ist für mich gestorben.

Jesus weist mir aber einen anderen Weg: „Geh zu ihm!“ Das erste muss ein Vieraugengespräch mit der betreffenden Person sein. Was macht es so schwer, diesen simplen Rat zu befolgen? Es ist die Angst vor einer Eskalation, die Angst, das Gesicht zu verlieren und am Ende gar als der Schwächere, als der an der Sache Nicht-ganz-Unschuldige auszusteigen. Davor fürchte ich mich. Und doch: Ich sehe, das Vieraugengespräch wäre das Richtige. Wenn ich nur fähig wäre, das Problem so zu formulieren, dass ich den anderen nicht gleich beleidige. Wenn ich nicht sagen würde: „Jetzt hast du schon wieder…“ und „Was bist du für einer…“, sondern eher: „Neulich hatte ich das Gefühl…“ Wenn ich reden könnte, ohne gleich zu beschuldigen, in die Ecke zu drängen, zu verletzen, wenn ich mehr meine Gefühle ausdrücken könnte, wenn ich zuhören könnte, wie der andere die Sache sieht, dann, so kommt mir vor, könnte das Vieraugengespräch wirklich zum besseren Verständnis beitragen, dann könnte es klärend und befreiend sein. „Geh zu ihm! Weil der andere wichtig ist, weil er zählt, weil du eine Verantwortung für ihn hast. Du kannst ihn nicht abschreiben, nicht einfach links liegen lassen, so tun, als ob er für dich gestorben ist.“

Der Weg Jesu ist also nicht: Alle anderen zuerst und der Betroffene zuletzt, sondern: zuerst mit dem Betroffenen reden, dann sich Rat holen bei klugen Menschen. Wäre dieser Weg befolgt worden, so wäre viel Unheil erspart geblieben: in persönlichen Beziehungen, in Gruppen und Gemeinschaften, in Pfarreien und sogar zwischen Völkern und Nationen.

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Abgerufen am: 29.07.2017